Donnerstag, 19. Mai 2011

Lektion am Langtang


Mit dem Himalaya ist es ein bisschen wie mit einem Lieblingskuchen: Solange noch ein Stückchen davon übrig und in Reichweite ist, kommt man immer wieder und gönnt sich noch ein "letztes, kleines Halbes". Nun, in Nepal ist man nie weiter als 100 km vom Himalaya entfernt und trotz konstanter Erosion ist immer noch eine Menge davon übrig. Wenn man sich also diese Verlockung einmal vor Augen führt und dann noch den besonders schwerwiegenden Umstand berücksichtigt, dass ich schon seit über 2 Monaten auf dem Trockenen saß (also mich nur im Flachland aufgehalten hatte) - dann ist wohl jedem klar, dass in meinen zwei verbliebenen Monaten in Nepal noch reichlich Zeit  für einen "ganz kurzen Abstecher" in den nur 100 km von Kathmandu entfernten Langtang-Nationalpark sein MUSSTE. 

Wer nicht mehr den Wald vor lauter Bäumen sieht...

... sollte mal wieder in die Berge gehen!!!
Da so ein Ausflug alleine aber etwas öde sein kann, hatte ich mir bereits im Vorfeld ein paar Mitstreiter gesucht: Nina, eine Freundin aus meiner Zeit in Giessen (auch genannt die "Bergziege" - die meisten Menschen werden am Berg langsamer, Nina aber läuft einfach weiter...) und ihr Bruder Per, den ich schon von einem Besuch in Mannheim her kannte und der, wie auch Nina, bislang "nur von Alpen gelebt" hatte.

Das Team: Nina,...

... Per...

... und meine Wenigkeit.
Anfang April war es dann endlich soweit und ich holte die beiden vom Flughafen in Kathmandu ab. Ninas Rucksack hatte sich während des Fluges (Dank einer Lösung zum Desinfizieren von Trinkwasser) in eine kleine Chlorbombe verwandelt, und so verbrachten wir den Rest des Abends mit Lüften und Chillen. Gleich am nächsten Morgen begann ein kleiner Organisationsmarathon: Eine Genehmigungen zum Betreten des Nationalparks, eine Genehmigung zum Trekken, Tickets für den Bus, Gepäckaufbewahrung im Hotel, etc. Erst am Nachmittag kamen wir dazu noch eine kleine Runde durch Kathmandu zu drehen und den "Garden of Dreams" sowie die Altstadt zu besichtigen.

Am Drubar Square in Kathmandu.

Im "Garden of Dreams".

Das erste Daal Bhaat!
Schließlich, um uns ein wenig auf unser tibetisch geprägtes Zielgebiet einzustimmten, nahmen wir einen überaus reichlichen und leckeren tibetischen Feuertopf zu uns sowie den berühmt-berüchtigten Yakbuttertee, bestehend aus frischer Yakbutter, schwarzem Tee und einer tüchtigen Portion Salz (ich bin mehr für berüchtigt...). Insbesondere letzterer war ein prägendes Erlebnis. Es geht damit los, dass der Tee nicht tassen-, sondern nur kannenweise ausgeschenkt wird. Obwohl nur eine kleine Fettschicht obenauf schwimmt und das Gebräu im ersten Moment lediglich wie dicke Milch schmeckt, haute es mich schon nach wenigen Augenblicken gehörig von den Socken - und das obwohl ich schon saß! Nach einer ersten schnellen Energiebilanzschätzung würde ich sagen, dass man mit 3 Tassen "UTSEs Starkbuttertee" ohne Probleme zu Fuß den Himalaya überqueren kann...

Nach einem Buttertee kann man nur noch liegen - und die Gedanken vorbeiziehen lassen.
Vor Beginn der Schlacht um den tibetischen Feuertopf.

Kloschüsselzucht auf dem Dach vom UTSE
Wir hatten uns entschlossen gleich den ersten Bus um 6:30 zu nehmen und das hatte seinen Grund. Syabrubesi, der Startpunkt unser Wanderung, ist zwar nur 116 km von Kathmandu entfernt, doch die "Piste" (der Begriff "Straße" passt leider nur auf die ersten paar Kilometer) ist großenteils in einem so schlechten Zustand, dass die Fahrt erfahrungsgemäß um die 8-10 Stunden dauert. Da es nur diese eine Straße gibt, blieb uns jedoch (abgesehen von Fallschirmspringen) keine Alternative - und so schlimm wie alle sagen konnte es doch auch gar nicht sein (Forum: "Nie wieder!" "Als ich ankam hatte ich total blutige Knie!" "Der absolute Wahnsinn...") - oder?

Immer schön positiv bleiben!
Als wir in aller Frühe den Bus enterten, wurden wir sofort freundlich auf die letzte Bank verwiesen. Ja Bank. Man könnte auch Brett sagen. Im Gegensatz zu den anderen Sitzen war bei uns der größte Teil der Polsterung nämlich eingespart worden. Wir wären keine Deutschen, wenn wir nicht liebend gerne und mit Enthusiasmus Protest eingelegt hätten, doch die in den Bus nachdrängende Masse von Menschen und das rasche Blockieren des Mittelganges mit Leuten und Taschen jeder Größe verhinderte jegliche Flucht nach vorne. Also fügten wir uns in unser Schicksal, klappten unsere Beine hinter die Ohren und begannen zu beten, dass wir doch bald da seien...

Nach Einnehmen der Plätze: Müde, aber noch gut drauf.

Blick den Mittelgang entlang...

... und auf Pers Knie!
Über die von uns in den folgenden Stunden durchfahrene Landschaft kann ich leider nicht viel berichten. Aufgrund der erhöhten Position in der letzten Reihe lag mein Fenster ungefähr in Brusthöhe. Meine persönliche Aussicht beschränkte sich also auf den in der Seitenwand installierten (natürlich defekten) Ventilator, mit dem ich auf Grund der Buckelpiste des öfteren Kontakt aufnahm. Dank meiner Kamera konnte ich aber ab und zu sein paar Photos schießen und auf diese Weise den Lauf der Dinge draußen auf dem Bildschirm verfolgen.

"Blick" durchs Fenster in die karge Landschaft.

Frühstückspause bei einem echten "Fast-Daal-Bhaat"-Restaurant.
Unnötig zu sagen, dass sich die Fahrt hinzog. Abgesehen davon, dass die 116 km Strecke bis auf die ersten 30 min ausschließlich aus Serpentinen bestehen, kamen noch unzählige checkpoints hinzu. Als Überbleibsel des langjährigen bewaffneten Konflikts ist Nepal übersät mit Stützpunkten der Armee oder der Maoisten (die bis heute noch ihre eigenen Truppen haben). Das an sich wäre kein Problem, denn die sporadischen Versuche eines Soldaten im Businneren Drogen oder Waffen aufzuspüren, waren angesichts der Überfüllung ebenso kurz wie aussichtslos. Doch die Kontrolleure legen großen Wert auf Recht und Ordnung und dazu gehört beispielsweise auch, dass sich niemand auf dem Dach eines Busses aufhält. Kein Busfahrer in Nepal würde jemals wegen Platzknappheit im Businneren auf weiteres zahlungsfähiges Klientel verzichten. Vor jedem Checkpoint hieß es daher also anhalten, alles absteigen, zu Fuß den Posten durchqueren und dahinter wieder aufsteigen - und das kann dauern...

Geradeaus wäre ja auch langweilig gewesen...

Und wieder bitte alles absteigen...

Oben wurde es bislang etwas eng - gut dass an der Seite noch viel Platz war...

Ohne Worte!
Nach 9 1/2 Stunden erreichten wir schließlich ziemlich geplättet (aber ohne blutige Knie) Syabrubesi und fühlten Mitleid für die 5 Israelis, die neben uns gesessen und noch eine weitere Stunde Fahrt vor sich hatten. Noch schlimmer traf es zwei andere Israelis, die wir später am Abend im Hotel trafen. Sie hatten sich für den späteren Bus um 7:30 entschieden und waren auf Grund einer Reifen- und diverser anderer Pannen geschlagene 12 1/2 Stunden unterwegs gewesen! Glücklich darüber, dass wir "nur so kurz" hatten ausharren müssen, machten wir noch einen kleinen Spaziergang zum Eingang des Langtang-Tals und gingen mit Vorfreude auf unseren ersten Wandertag ins Bett... (Fortsetzung folgt)

Endlich: Ankunft in Syabrubesi!

Stupa außerhalb von Syabrubesi.

Nina & Per am Eingang zum Langtang-Tal. Morgen geht's los!

Samstag, 14. Mai 2011

Der Vipassanakurs

Herrgottnocheinswiediezeitvergeht! In den letzten anderthalb Monaten war ich so viel unterwegs, dass ich partout nicht zum Schreiben gekommen bin. Das geschah aber natürlich nur zum besten dieses Blogs, schließlich muss ich ja Material zum Schreiben sammeln! Um Euch aber zwischen all den Bergphotos eine kleine Verschnaufpause zu geben, werde ich die Chronologie der Ereignisse ein wenig umkehren und zunächst von meinem letzten Erlebnis berichten, meinem Vipassanakurs.

Das Programm eines Vipassanakurses klingt ein wenig wie eine Vorschrift zur fortgeschrittenen Selbstkasteiung in Vollzeitisolation: 10 Tage lang absolutes Gesprächs- und Ausgehverbot, rationiertes Essen, strikte Trennung der Geschlechter, täglich 12 h konzentrierte Meditation, davon ab dem 4. Tag 3 h ohne Änderung der Körperhaltung und 1.5 h Theorievortrag, die erste Meditation morgens von 4:30-6:30, die letzte abends von 8:30-9:00. Man soll nicht lesen, nicht schreiben, sich nicht körperlich anstrengen, andere Personen nicht ansehen, geschweige denn mit Ihnen über Gestiken kommunizieren, nicht an die Zukunft und nicht die Vergangenheit denken. Mobiltelephone und andere elektronische Geräte muss man gleich am Eingang zum Meditationszentrum abgeben (daher auch keine Photos in diesem Beitrag). Und doch sagen einem alle, die das durchgemacht haben, dass man als glücklicherer und besserer Mensch aus den 10 Tagen hervorgeht. Wie sollte das möglich sein?

Vielleicht ein paar erklärende Worte dazu, was Vipassana ist (ich hoffe ich kann mich kurz fassen...). Es ist die Technik, mit der Siddharta Buddha vor 2500 Jahren Erleuchtung erlangt hatte und dadurch beschreiben konnte, auf welchem Weg (Dhamma) man dieses Ziel erreichen kann. Obwohl diese Technik von Buddha gelehrt wurde, ist sie mit keiner Religion, keiner Person, keinem Ritus verbunden und Christen wenden sie ebenso an wie Hindus oder Moslems. Wörtlich gesehen bedeutet Vipassana "Beobachten", denn es basiert auf der reinen Beobachtung der Realität wie sie ist. Im Gegensatz zu anderen Meditationstechniken werden keine Mantras, keine Visualisierungen und keine Lautmalungen benutzt, sondern ausschließlich Sinneswahrnehmungen und Vorgänge im Körper beobachtet. Die Theorie dahinter basiert auf der Verbindung des Unterbewusstseins mit Körperempfindungen. Jedes mal, wenn wir mit einem Reiz konfrontiert werden. positiv oder negativ, entsteht im Körper als Reaktion eine Empfindung, die im Unterbewusstsein abgespeichert und als "Sankara" bezeichnet wird. Wann immer wir dem gleichen Reiz begegnen, verstärkt sich unsere Empfindung und wir reagieren mit zunehmendem Verlangen (positiv) oder Abneigung (negativ). Aus beiden Vorgängen resultiert Leiden, auf das wir keinen Einfluss mehr haben, da die Ursache in unserem Unterbewusstein liegt. Wenn man nun die zugrundeliegenden Körperempfindungen (die mit dem Unterbewusstsein verbunden sind) beobachtet und ihnen mit Gleichmut begegnet, werden nach und nach alte Sankaras neutralisiert. Das Ergebnis ist, dass wir uns nicht mehr so stark von unseren früheren subjektiven Empfindungen leiten lassen, sondern von den objektiven Gegebenheiten der Gegenwart. Das Ergebnis ist eine Verminderung des eigenen Leidens (Angst, Ärger, Stress, Sorge, Unzufriedenheit, etc.) und eine erhöhte Fähigkeit anderen zu helfen (Aufgabe des eigenen Egos, Bereitschaft zu geben, liebevoller Umgang mit anderen, etc.). Wer diesen Weg bis zum Ende geht wird laut Buddha erleuchtet werden, das heißt ein Mensch ohne seelische Unreinheiten (Neid, Missgunst, Geiz, Zorn, Hass, etc.) sein.

Bei einer Vipassana-Meditation geht es also nicht darum, sich tief in irgendeine Trance zu versenken oder einen berauschenden Zustand der Glückseligkeit zu erzeugen, sondern mit andauernder Praxis ein besserer Mensch zu werden. Ein solches Ziel schien mir würdig genug für einen Versuch. 10 Tage sind zwar eine lange Zeit, aber wenn man bedenkt, wieviel Zeit man mit der Pflege seines Körpers verbringt, dann realisiert man, dass diese 10 Tage die ersten Tage sind, die man der grundlegenden Pflege seines Geistes widmet. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch keine 10 min lang meditiert und wollte nun wissen was sich hinter dieser Technik verbirgt. Also meldete ich mich zu einem Kurs an und stieg am 1. Mai ins Programm ein...

Tag 0
Ausgerechnet heute ist wieder Generalstreik in Nepal! Komme trotzdem rechtzeitig, unbehelligt und voller Erwartungen am Treffpunkt in Kathmandu an. Diverse Erklärungen abgeben und unterschreiben: Adresse, Kontaktpersonen, medizinische Details etc. Kein Problem, mach ich. Meine online-Unterlagen sind verlorgen gegangen. Also auch hier nochmal: Formulare über Formulare ausfüllen. Nach über einer Stunde ist endlich alles fertig und es geht zur Einführungsveranstaltung. Noch einmal wird erklärt, was man die letzte Stunde alles unterschrieben hat. Ein wenig Ungeduld kommt auf bei den rund 100 Männern und Frauen im fensterlosen Saal auf. Außerdem machen sich die ersten 1,5h im Schneidersitz bemerkbar. Bekomme das sichere Gefühl, dass die Erleuchtung nicht mein einziges Problem sein wird... Schließlich werden wir alle in Minibusse gestopft und zum Zentrum am Rande des Shivapuri-Nationalparks ca. 17 km nördlich von Kathmandu gekarrt. Es sieht nett und ruhig aus. Treffe zwei 18-jährige Jungs aus Tübingen, die seit September den gesamten Weg bis hierher mit Fahrrad zurückgeleggt haben. Respekt! Beziehe mein Zimmer und lerne Yasuko, meinen japanischen Mitbewohner kennen, der den Kurs schon zum dritten mal macht. Danach ein kleiner Snack in der Kantine, süßer Brei, sehr lecker. Dann eine letzte Instruktion vom Manager des Zentrums. Noch einmal das ganze Spiel mit allen Details. Sind wir uns auch wirklich sicher? Noch sei Zeit um nach Hause zu fahren... Ich denke nur: Gehts jetzt endlich los oder was? Es geht los. Spät am Abend die erste Meditationssitzung. Ab jetzt beginnt die Schweigepflicht. Verdammt unbequem so ein dünnes Kissen. Aber das mit dem Atmen klappt schon ganz gut. Um 9 Uhr dann Feierabend und ich gehe sofort schlafen.

Tag 1
Komme gut um 4 aus dem Bett und starte fit in die Meditation. Für heute lautet die Aufgabe nur: Atem in der Nase beobachten. Kann ick. Wenn ich gewusst hätte, dass das so'n pippifax hier ist, hätte ich mir vorher nicht so'n Kopf gemacht. Nur gehen mir immer noch so viele Gedanken durch den Schädel, schweife alle 5 Sekunden ab... Essen ist erstaunlich lecker und ausreichend. Beim Mittagessen kann man sich sogar mehr geben lassen, aber mir ist Daal Bhaat mit Brot, Reis, 3 verschiedenen Gemüsezubereitungen, 2 Salaten und Linsensupe eh schon fast zu viel. Verbringe die Pausen mit Umherwandern im Garten. Hübsche Blumen haben sie hier. Die Sessions am Nachmittag sind schon etwas zermarternd, aber ich wechsel einfach alle 5 min die Haltung. Auch die Luft wird nicht unbedingt besser. Bei 100 Leuten in einem geschlossenen Raum bedarf es schon nach 7h nur eines Funkens und wir fliegen alle in die Luft... Das Abendessen fällt mit einem halben Apfel, einer Handvoll Puffreis und einem Becher Tee erstaunlich spärlich dafür aus, dass man schon um 11 Uhr Mittag gegessen hat. Fülle meinen Magen mit Wasser ab und gehe einigermaßen zufrieden ins Bett.

Tag 2
Merke, dass ich etwas schummerig im Kopf bin. Ist aber nicht schlimm sondern eher praktisch. Nehme mein Essen stärker war und habe gar nicht so großen Hunger, lasse mir sogar weniger geben. Bin deutlich ruhiger als gestern, schweife gedanklich aber immer noch ab. Sollen eigentlich nach Sinneserscheinungen rund um die Nase fühlen, geht aber so nicht. In der Pause beobachte ich fröhlich einen winzigen Käfer, der ein riesengroßes Blatt erkundet. Frage mich ob das noch ein normales Verhalten ist, finde aber keine Antwort. Die meisten anderen Patienten sitzen apathisch auf den Bänken oder drehen wie ich ihre Runden. Dann am Nachmittag der Durchbruch. Mit einem Schlag sind alle Gedanken weg! Genieße das Gefühl ungestört meinen Atem wahrzunehmen. Fühle aber immer noch nichts um die Nase herum. Bekomme einen guten Tip vom Lehrer. Jetzt ist es da! Ständiges Prickeln. Bin erleichtert das Tagesziel erreicht zu haben und gehe glücklich ins Bett.

Tag 3
Habe verrücktes Zeug geträumt und erinnere mich, dass es die letzten Nächte ähnlich war. Die ganze Nacht volles Programm. Auch Yasuko ist sehr aktiv und redet viel im Schlaf. Heute hat er mitten in der Nacht laut "SAHADU!" gerufen (wörtl.: gut gesagt; gemeinsamer Ausruf am Ende einer Meditationssession). Konnte zwar sofort wieder einschlafen, bin aber trotzdem heute etwas müde. Versuche mich durch ständiges Rumlaufen in den Pausen wach zu halten. Nicke aber am Nachmittag trotzdem immer wieder ein. Erst spät am Abend fühle ich die vorgegebenen Reize auf der Oberlippe. Überlege ob ich nicht doch in den Pausen mal schlafen sollte. Uns wurde eingetrichtert Schlafen in den Pausen ist nicht gut! In der Theorievorlesung hieß es sogar man braucht gar keinen Schlaf! Wenn man nachts mit geschlossen Augen im Liegen meditiert können sich Körper und Geist gleichermaßen erholen. Ich bin skeptisch. Bin aber neugierig und fange abends im Bett todmüde an zu meditieren. Merke, dass ich wacher werde. Kriege plötzlich Angst tatsächlich nicht schlafen zu können! Höre auf zu meditieren und schlafe sofort ein.

Tag 4
Endlich! Heute beginnt die eigentliche Vipassana-Meditation. Die Einführung ist jedoch eine kleine Enttäuschung. 2 h lang müssen wir zuhören, was man auch in 5 min erklären könnte: Sinneswahrnehmungen in allen Körperteilen erfühlen. Der Lehrer nimmt sich jedoch viel Zeit. Erklärt alles zunächst in Hindi, dann in Englisch. Und zwar Stück für Stück. Schulter. Oberarm. Ellenbogen. Unterarm. Handgelenk. Handfläche. Finger. Fingerspitzen. Und auf der linken Seite: Schulter. Oberarm... Merke wie auch die anderen eher damit beschäftigt sind ihre Sitzhaltung zu optimieren. Habe mir selbst eine kleine handhohe Bank zum Draufsetzen besorgt. Damit kann ich wenigstens aufrecht und gerade sitzen. Andere gehen unterschiedlich mit der Belastung um. Der "Hochstapler": Er rafft alle Kissen zusammen, die er finden kann und stopft sie unter seinen Hintern. Er ist leicht in der Menge auszumachen, da er permanent um sein Gleichgewicht kämpfen muss. Dann der "Tüftler": Er nutzt in Kissen eingebettete Campingsitze, Streckverbandkonstruktionen oder die Wand um seine Lage zu stabilisieren. Leicht zu erkennen am Geraschel in den ersten 5 min der Meditation, die er zum Zurechtruckeln und -zuckeln benötigt. Und schließlich der "Naturalist": Er hat sein Leben lang keinen Stuhl benutzt und freut sich endlich mal bis zu 2 h am Stück entspannt sitzen zu können. Für das Rascheln der anderen hat er nur wenig Verständnis. Können die nicht still sitzen? Die 3 h ohne Bewegung vergehen trotz meiner Bank extrem langsam und ich wanke mit schmerzenden Knien ins Bett.

Tag 5
Der erste Tag mit durchgängier Vipassana-Meditation. Spüre zunächst nicht viel. Führe Zwiegespräche mit meinem Körper "Was ist da los? Warum spüre ich nichts? Was kannst Du eigentlich...?!" Habe dafür Dank eines Tips im Theorieteil jetzt weniger Probleme mit dem Sitzen. Der Schmerz ist immer noch da, aber nicht mehr so schwer zu ertragen. Beobachte in der Pause eine Raupe, die sich durch ein Blatt frisst und freue mich. Drückende Müdigkeit am Nachmittag. Bereue heimlich ein paar Übungen für Bauch und Rücken gemacht zu haben, die mich arg ins Schwitzen gebracht haben. Die Wärme im Meditationssaal wirkt wie eine Narkose auf mich. Erst am Abend dann wieder ein Fortschritt: Intensives Jucken und Pieksen auf der ganzen Kopfhaut. Frage mich ob ich nicht vielleicht Läuse habe. Genieße den Theorievortrag. Wie immer entspannend, aufschlussreich (wenn auch nicht immer nachvollziehbar) und teilweise sogar lustig. Und dann noch auf Deutsch! Gehe zufrieden ins Bett. Prüfe vorher ob ich nicht doch Läuse habe. Habe keine.

Tag 6
Habe beschlossen dem Leiden ein Ende zu machen! Nehme zum Frühstück und Mittagessen einen vollen Teller um mir etwas gutes zu tun. Merke sofort, dass ich zu viel gegessen habe. Geht aber noch. In jeder Pause lege ich mich außerdem für mindestens 15 min Schlafen. Bin zum ersten mal nach der Mittagspause richtig fit! Mache gute Fortschritte und kann nun auf meiner ganzen linken Körperhälfte Sinnesreize wahrnehmen. Die rechte Hälfte ist schwierig, dafür ist es im Kopf genau umgedreht. Schiebe es auf meine Rechtshändigkeit und gebe mich für heute mit der linken Seite zufrieden. Beobachte mehrere Affen, die sich ohne Furcht vor uns über die Wege und Bäume des Zentrums bewegen.

Tag 7
Die rechte Körperhälfte macht ein klägliches Friedensangebot, aber immerhin kann ich ein bisschen was spüren. Bauch und Rücken dagegen haben sich noch nicht einmal zu Wort gemeldet. Schweife ab und überlege kurz wie ich das ganze hier in meinem Blog wiedergeben kann. Brauche fast eine ganze Stunde um wieder einen klaren Kopf zu kriegen. Habe mich inzwischen an die Stille gewöhnt. Es ist nicht öde. Eher eine ruhige, konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Stelle fest, dass es ohne Sprechverbot tatsächlich nicht funktionieren würde. Brauche so schon am Anfang jeder Sitzung knappe 30 min um feine Erscheinungen wahrzunehmen.

Tag 8
Bauch und Rücken zeigen nun ebenfalls erste konkrete Anzeichen einer Kooperation. Probiere den ganzen Tag den sogenannten "flow" oder "sweep" hinzukriegen: Das flüssige Abtasten des gesamten Körpers von Kopf bis Fuß in einem Zug. Klappt aber nicht. Merke wie meine Motivation zur Konzentration von Tag zu Tag abnimmt. Ein richtiger Vipassana-Kurs dauert 7 Wochen. Wie soll man so etwas durchhalten?!? Am Abend dann plötzlich eine Reaktion. Ein Vibrieren geht durch den ganzen Körper und ich platze fast vor Hitze. Nach 5 min ist alles wieder vorbei und ich spüre gar nichts mehr. Egal. Fühle mich leicht angetütert und gehe beschwingt ins Bett.

Tag 9
Versuche das Erlebnis von gestern Abend zu wiederholen. Es klappt auch noch ein paar mal, aber die Hitzeentwicklung ist jedesmal schwächer. Heute ist der letzte ganze Tag um sich in der Technik zu üben. Strenge mich an, aber irgendwie ist die Luft raus. Fange an, an morgen und kommende Tage zu denken. Brauche lange um mich immer wieder zu konzentrieren.

Tag 10
Der letzte Tag! Den ganzen Morgen muss ich daran denken, dass bald Schluss ist. Nach der Vormittagsmeditation ist es schließlich soweit. Während der nächsten 6 h dürfen wir zum ersten mal wieder sprechen. Alles eilt raus und fängt ein aufgeregtes Geschnatter an. Die Frauen stoßn dazu, das Geschnatter wird noch lauter. Bleibe noch eine Weile sitzen. Fühle auf einmal eine starke Blockade in dieses alte Leben wieder zurückzugehen. Setze mich in eine ruhige Ecke und versuche mich langsam wieder an die Aufregung zu gewöhnen. Es dauert eine Weile, aber schließlich geht es mir wieder besser. Bin ein bisschen froh, dass die 10 Tage doch nicht wie befürchtet spurlos an mir vorbeigegangen sind. Der Bruch wird noch stärker, als wir uns am Nachmittag einen Film über den überwältigenden Effekt der Vipassana-Technik auf Gefängnisinsassen in Indien ansehen. Am Abend dann wieder Schweigepflicht und eine neue Meditationsart zur Vorbereitung unseres Übergangs ins normale Leben am nächsten Tag. Die ganze Meditation hindurch habe ich ein starkes Hämmern in meinem Vorderkopf. Begreife die Technik wieder ein bisschen besser und falle erschöpft ins Bett.

Tag 11
Der Tag des Aufbruchs. Letzte Theorieunterweisungen, wie man Vipassana in seinen Alltag integrieren kann und sollte. Die Auflagen sind hoch. Täglich je 1 h morgens und abends meditieren, dazu je 5 min vor dem Schlafengehen und 5 min nach dem Aufwachen. Jährlich mindestens ein weiterer 10-Tageskurs. Wer 1 Jahr durchhält, tut es wohl sein Leben lang. Bin skeptisch. Werde es aber auf alle Fälle versuchen. Und falls ich einen Effekt bemerken sollte, werde ich Euch hier davon berichten.

P.S.: Mehr Infos zu Vipassana gibt es unter www.dhamma.org.

Mittwoch, 23. März 2011

Ein Date mit Anna Purna

Es mag unglaubwürdig scheinen, aber als ich mich entschied nach Nepal zu gehen spielte der Gedanke an Trekking-Touren im Himalaya keine Rolle. Mehr noch, ich war festen Willens die Zeit ausschließlich zum Arbeiten zu nutzen und hatte mich darauf eingestellt vom Land vermutlich nicht viel zu sehen zu bekommen. Das änderte sich, als eine Gruppe französischer Voluntäre für drei Wochen bei uns vorbeikam. Wir verstanden uns sofort sehr gut und sie fragten mich ob ich nicht Lust auf eine Wanderung im Annapurna-Gebiet hätte. Ich lehnte spontan ab, schließlich war ich ja nicht zum Vergnügen hier! Es war aber schon zu spät, der Keim war gesetzt. In den folgenden Tagen wuchs er größer und größer, bohrte sich durch meinen dämlichen Idealismus und ließ mich nur noch an Berge denken. Zwei Tage vor ihrer Abreise sagte ich zu und freute mich wie ein Schneekönig auf die Fahrt!

Mit dem Wind im Rücken - Himalaya ich komme!!!
Unser Wandergebiet lag am Rande des Annapurna-Naturschutzparks nördlich von Pokhara, das wie bereits berichtet eine halbe Tagesreise westlich von Kathmandu liegt. Aus Kostengründen hatten wir uns für den Bus entschieden und ich war gespannt den Vergleich mit dem Flieger anzustellen. Morgens um 5 gings also mit dem Taxi nach Kathmandu zum Buspark, wo wir unseren "tourist bus" bestiegen (die 2. Liga unter den Reisebussen, aber immerhin nicht die 3.!). Müde aber aufgeregt nahmen wir unsere Plätze ein und ich stellte zufrieden fest, dass mein Sitz vollkommen in Ordnung war. Nur leider der Sitz vor mir nicht. Marie lag nämlich mehr auf meinem Schoß als dass sie saß. Der fürsorgliche Reiseleiter beruhigte mich: "I will check". Damit war jegliche Hoffnung auf Besserung vergebens und ich stellte mich auf eine lange Fahrt ein...

vvnh: Elise, Marin, Charlotte, Marie & Matthieu, daneben mein Platz.

Auf dem Weg nach Pokhara.

Schließlich kamen wir leicht durchgeschüttelt aber heil in Pokhara an, wo wir uns in einem Gasthaus einquartierten. Ich war noch nicht wieder richtig fit und so verbrachte ich den Abend im Bett, während die Jungspunde die Innenstadt unsicher machten.

Der Fewa-Lake in Pokhara.
Nachdem wir unsere Zugangspapiere für den Nationalpark (teuer) erstanden und Charlottes komplett  abgelöste Sohlen wieder notdürftig festgetackert hatten, nahmen wir den Bus nach Phedi (1130 m), einem Zweihäuserdorf am Rande des Reservats.

Knochenreiben nach anderthalb Stunden luftigen Ritts auf dem Busdach.

Eine kurze Stärkung und dann ging es gegen halb 4 los. Leichtsinnig? Ach was, vor uns lagen ja nur 600 Höhenmeter bis zum ersten Gasthaus, die erste Diskussion über den richtigen Weg war ausgebrochen und um 5 sollte es dämmern - optimale Startbedingungen also für unser  kleines Katastrophenteam!

Zur Eingewöhnung gings die ersten anderthalb Stunden nur bergauf.
Gerade noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit erreichten wir Dhampus (1770 m), unsere erste Station. Das Gasthaus ist erstaunlich komfortabel und kostet gerade mal 50 Cent pro Nase. Darüber hinaus erfahren wir, dass für das gesamte Trekkinggebiet ein einheitliches Menu mit nepalesischen und westlichen Gerichten  festgelegt wurde, was dem verwöhnten Touristen sehr entgegenkommt - auch wenn in meinen Augen das gute alte Daal Bhaat das beste von allen war!

Gerade noch mal gut gegangen: Ankunft in Dhampus bei Dämmerung.
Am nächsten Morgen dann unser erstes beeindruckendes Bergerlebnis:  Machhapuchhare ("Fishtail") zeigte uns seine majestätische Spitze und wir konnten es kaum erwarten wieder loszuziehen.

Machhapuchhare im Morgengrauen.
Es folgte ein wunderschöner Tag bei strahlendem Sonnenschein, der irgendwie noch ein bisschen schöner wurde, als wir von Heimkehrern hörten, dass die letzten vier Tage trübe Sicht gewesen war. Die Stimmung war glänzend, mein grummelnder Magen vergessen und unsere Kameras im Dauereinsatz.

Dorfhütten entlang des Weges.

Auf dem Weg nach Landruk.
Ein Stück vor Landruk kehrten wir erneut in einem kleinen Gasthaus ein und genossen unsere erste "warme" Dusche (zumindest bei den Ladies war sie wohl noch warm gewesen). Danach entspannten wir bei Kartenschreiben und -spielen und machten einen kleinen Rundgang durchs Dorf. Nach dem Essen schmetterten wir noch freudig einige Lieder, bis uns die angespannte Stille draußen ein schlechtes Gewissen bereitete und wir uns auf unsere Zimmer zurückzogen.

Elise und Charlotte beim Abendprogramm.

Der nächste Tag erfüllte uns zunächst mit etwas Respekt. Wir mussten nämlich das Tal durchqueren, was erst 600 m runter und anschließend 1000 m wieder hoch bedeutete. Dank der sich ständig wandelnden Umgebung waren wir aber ausreichend abgelenkt, so dass wir den Tag trotz der Anstrengung voll genießen konnten. Als wir gegen Abend auf 2630 m Höhe in Tadapani ankamen zog Nebel auf. Überhaupt wirkte die Siedlung auf einem Bergrücken etwas unwirtlich. Die zweite beunruhigende Entdeckung war unsere Unterkunft. Die hatte den lauen Temperaturen draußen nämlich wenig mehr als etwas rissiges Sperrholz entgegenzusetzen und so flüchteten wir sofort nach dem Essen in unsere Betten, wo wir uns für den Rest des Abends unter Decken verkrochen.

Dichter Dschungel und Warnschilder vor wilden Tieren - Wandern in der Gruppe ist doch schon schön...

Gipfelklima draußen wie drinnen: Unsere Unterkunft in Tadapani.

Marie, Marin und Elise in Thermoadaptionsmontur.
Über Nacht hatte sich der Nebel verzogen und wir setzten unsere Wanderung bei bestem Wetter fort. Gegen Mittag dann der erste Dämpfer. Marin fühlte sich nicht gut und so erstiegen wir eine nahegelegene Aussichtsplattform nur zu fünft.

Die reduzierte Mannschaft auf dem Aussichtsturm.
Kaum waren wir wieder bei Marin angekommen, hüllte uns jedoch plötzlich wieder dichter Nebel ein. Innehalb von Minuten sah man keine 20 m mehr. Davon ließ sich unser Katastrophenteam aber natürlich nicht einschüchtern und so gings im Gänsemarsch weiter. Dank der grölenden Koreaner vor uns war der Weg eh kaum zu verfehlen...

Himalayanische Suppe vom feinsten.
Kurz vor Ghorepani (2875 m) reduzierte dann ein langgezogener vereister Anstieg unser Marschtempo auf einen Schlag drastisch. Von nun an lief man nur noch wie auf Eiern und mir wurde klar, warum die vielen Asiaten auf dem recht eindeutigen Weg alle einen Führer (meistens gleichzeitig Träger) hatten: An dem konnte man sich beim Auf- und Abstieg hervorragend festhalten! Stöcke hatte nämlich praktisch keiner und bei manchen Touristen fragte man sich auch ein bisschen wer die eigentlich ins Gebirge gelassen hatte...

Gaaanz voo-HO!-orsichtig...
Schließlich erreichten wir am späten Nachmittag Ghorepani, die zentrale Station unserer Tour. Das Dorf selbst hat außer einer (ganz hervorragenden!) Bäckerei nichts zu bieten, profitiert aber ganz wesentlich von seiner Nähe zum Aussichtspunkt "Poon Hill" auf 3210 m Höhe. Hier tummeln sich daher in der Saison die Touristenscharen, die auf kürzestem Wege hierher gelotst werden, schnell ein Photo a la "awesome Himalaya sight!" machen und zur nächsten Station düsen können. Glücklicherweise hatten während unseres Aufenthalts "nur" Koreaner Saison, wodurch der Bevölkerungsgrad des Dorfes noch recht erträglich war. Während es mir zunehmend besser ging, lag neben Marin jedoch nun auch Matthieu mit einem Virus flach. Da wir auf dem Weg hierher einen Tag eingespart hatten, entschieden wir uns daraufhin an dieser Stelle einen Pausentag einzulegen.
Nicht schön, aber günstig gelegen: Ghorepani.
Trotz unserer Abneigung gegen den Massentourismus waren auch wir natürlich nur Touristen und wollten uns das Highlight von Poon Hill nicht entgehen lassen: Den sagenumwobenen Sonnenaufgang! Früh am nächsten Morgen reihten wir uns also in die scheinbar endlose Kette von Photojägern, die sich in teils heilloser Überforderung den Hügel hinaufquälten. Kaum oben angekommen begann auch schon die Schlacht um die besten Aussichtsplätze. Jetzt war nicht die Zeit um Bekanntschaften zu machen - es galt bis zum entscheidenden Moment die soeben hart erkämpfte freie Sicht zu wahren. Hierzu war dem müden Eventsammler jedes Mittel recht: Das Stativ ("Nimm das große!") wurde bis zum Anschlag ausgefahren und möglichst sperrig positioniert ("Entschuldigung, darf ich mal...!"), Kanonenrohr-artige Objektive wurden dem störenden Vordermann so lange in den Rücken gebohrt, bis dieser seinen Platz räumte ("Anfänger...") und auch die gut genährten Kinder kamen nun endlich zum Einsatz, indem sie taktisch günstig im Weg rum standen ("Mami, ich seh nichts!" "Das macht nichts, Ihr könnt Euch später die Photos von Papi ansehen!"). Kurz, es war ein großes Hallo und ich war froh, dass Koreaner so klein gewachsen sind. Schließlich bekamen wir tatsächlich einen tollen Sonnenaufgang mit wolkenfreiem Himmel zu sehen und nahmen mit Blick auf die Annapurna- und Daulaghiri-Region zufrieden ein kleines Frühstück zu uns. Noch vor vollständigem Aufgang der Sonne trat der Großteil der Massen bereits wieder den Rückweg an(glücklich und um ca. 1000 Photos reicher) und bald darauf war der ganze Spuk vorbei..

Tausende zogen in die Wildnis um die Einsamkeit zu suchen...
Unsere Kranken kehrten nun zum Erholen wieder zu ihren Zimmern zurück und auch die anderen aus der Gruppe wollten den freien Tag zum Gammeln nutzen. Mit der freien Sicht auf die langgezogene Bergkette und das traumhafte Wetter konnte ich aber unmöglich herumsitzen und entschied mich alleine einen Ausflug zu einem etwas abgelegeneren Aussichtspunkt zu unternehmen. Es stellte sich heraus, dass auf eben diesem gerade ein Hotel gebaut wurde aus außerdem Bäume die Sicht versperrten. Die drei Stunden einsamer Wanderung dorthin und zurück sollten aber zu den schönsten Erinnerungen gehören, die ich in meiner ganzen Zeit in Nepal gesammelt habe und niemals vergessen werde.

Himmel und Erde, sonst nichts.

Zukünftiger Blick aus einem der Hotelzimmer am Aussichtspunkt.

Träger auf dem Weg zur Baustelle, bei denen ich einen kleinen Stop einlegte.

Verwitterter Heuschuppen vor dem Panorama des Dhaulagiri-Höhenzugs.

Zurück in Ghorepani fand ich eine etwas gelangweilte Truppe vor, die sich in Ermangelung einer interessanten Beschäftigung vor dem Bäcker stationiert hatte und in kulinarische Orgien vertieft war ("Mit Honig!"). Ich setzte mich bereitwillig dazu und wir verbrachten den Rest des Nachmittags mit der Bekämpfung von Apfelstrudeln und Zimtstangen in der Sonne. Im Laufe des Abends ging es Marin und Matthieu wieder so gut, dass wir beschlossen am nächsten Morgen weiterzuziehen.
Biscuits mit Honig - Marins absolutes Favourite! Im Hintergrund die Bäckerei.

Der Weg von Ghorepani nach Naya Pul ist der kürzeste Zugang zu Poon Hill, was sich in einer entsprechend höheren Dichte von Wanderern niederschlug. Auch diverse Mulikarawanen begegneten uns, was aber den Genuss der schönen und vielfältigen Landschaft beim Abstieg nicht schmälerte.

Für unsere Mitglieder mit Höhenangst immer wieder eine Prüfung: Die Hängebrücken!

Das Tal beim Abstieg.

Ein Muli für alles: Essen, Zement, Stoffe, Haushaltsmittel, Hühner...

Immer dem Flussverlauf folgend.

Kurz vor Naya Pul machten wir ein letztes mal Halt und feierten die schöne Tour gebührend mit Daal Bhaat und Bier. Trotz des bevorstehenden Abschlusses war die Stimmung bestens, zumal wir nach sieben Tagen unterwegs auch langsam genug hatten und uns auf "zu Hause" freuten.

Klein aber günstig: Eine übliche Unterkunft für 50 Cent.


Nicht so gut wie Löwenbräu, aber auch lecker: Das nepalesische "Everest".

Blick von der Terrasse am Fluss.

Die Ankunft in Naya Pul war ernüchternd. Eine recht langweilige Stadt mit dreckigen Straßen und viel Beton. Wir beeilten uns zum Busbahnhof zu kommen, von wo wir aus in gewohnter Mannier ein Busdach erklommen und uns nach Pokhara bringen ließen. Dort kehrten wir noch einmal in unserem bereits auf dem Hinweg erprobten Gasthaus ein und nutzten den letzten Tag um einige der Bekleidungs- und Souvenirläden in der reichlich kommerzialisierten Innerstadt aufzukaufen.

Die Innenstadt von Naya Pul.

Auf dem Weg zurück nach Pokhara.

"Shopping!!!"

Früh am nächsten Morgen gings zurück nach Bhaktapur. Die Fahrt war ähnlich komfortabel wie auf dem Hinweg, doch mit den Bildern der vergangenen Tage im Kopf machte uns das alles nichts mehr aus. Es war eine tolle Fahrt gewesen, sowohl von der Zusammensetzung der Gruppe als auch von der Wanderroute her, die ich nur jedem empfehlen kann, der das Glück hat für einige Zeit nach Nepal kommen zu können. Zum Schluss noch zwei Bilder als Appetitanreger (zum Vergrößern draufklicken) und ein dezenter Hinweis, dass im September eine neue Saison mit traumhaften Wanderbedingungen anbricht, für die es schon jetzt Flüge gibt...

Annapurna mit Hiun Chuli und Machhapuchhare.


Bauernhaus vor Dhaulagiri.

Sonntag, 20. März 2011

Happy Holi!

Gestern war in ganz Nepal "Holi", auch das Fest der Farben genannt. Die Photos dazu will ich Euch  nicht vorenthalten, denn der Name kommt natürlich nicht von ungefähr: Man schmeißt mit Farben und Wasser auf alles was sich bewegt und erinnert damit an den Sieg eines Gottes über einen Dämon. Manche sagen auch es war eine sexuelle Begegnung zwischen dem Gott und einer Göttin. Vielleicht war es auch beides, man weiß es nicht so genau...

Zunächst bin ich mit Jeremy und Carole, zwei Langzeitvoluntären wie mir aus Frankreich, die vor einigen Tagen in Bhaktapur eingetroffen sind, zu Indras Bruder gelaufen, wo ein bisschen gefeiert werden sollte. Abgesehen von ein paar Wasserbomben kamen wir recht unbeschadet am Zielort an, wo wir sofort mit roter Farbe begrüßt wurden. Das anschließende "Feiern" bestand jedoch hauptsächlich aus Rumhängen, Essen, Trinken und Kartenspielen, so dass wir uns bald nach dem Essen wieder verabschiedeten.

Das Kochteam bei der Arbeit.

Die "Partycrowd."

Lecker Lunge!

Der Rückweg wurde uns schon eher zum Verhängnis. Erst bekamen wir die Hucke voll Wasser, dann wurde die rote Farbe durch reichlich Gelb erweitert, als ich unvorsichtigerweise ein Photo von einer der marodierenden Partybanden machte.

Für das Photo musste ich mich komplett gelb einreiben lassen

Jeremy und Carole bei unserer Ankunft zu Hause.
Zu Hause angelangt machten wir erstmal Pause und versuchten die Farbe loszuwerden. Das war leider nicht so einfach denn wir hatten mal wieder keinen Strom und damit auch keine Dusche. Ich war dennoch mit meinem Ergebnis ganz zufrieden, als es klopfte: Biseh und Boris, komplett verunstaltet und teilweise leicht angetütert, kamen um mich abzuholen und ließen keinen Widerspruch zu. Also zog ich wieder los...

Biseh und Boris, das neue Partykommando...
Auf dem Weg zu Bisehs Wohnung lernte ich viele von Bisehs Freunden kennen. Viele Freunde mit viel Alkohol und viel Farbe. Manche lernte Biseh auch erst kennen. Das spielte aber keine Rolle, sie waren alle sehr glücklich ihn und auch mich "traditionell" begrüßen zu dürfen und taten das eifrig. Als wir bei ihm zu Hause angekommen waren, hatte das Farbpulver auch die letzte Kleiderbarriere überwunden...

Frisch frittiert und knackig: Süße "Sel" bei Biseh zu Hause.

Heute durfte man auch mit Essen spielen!
Nach einem kurzen "energiereichen" Snack sollte es eigentlich auf den Rückweg gehen, aber natürlich kam es anders. Bereits am Hauseingang wurden wir von einer johlenden Truppe umringt (alles Freunde von Biseh, wie er mir lautstark versicherte), die uns auf einen kleinen Streifzug durch die Nachbarschaft einluden. Wer könnte da nein sagen...?

Ich sag nur "hackedicht"!

Wer kann legt zwischendurch mal eine Dusche ein.
Als ich Abends wieder zu Hause ankam, war ich eine wandelnde Farbwolke und unsere Haushaltshilfe freute sich sehr, aber was sollte man machen ohne Strom? Egal, es war ein abwechslungsreicher Tag gewesen, alle hatten ihren Spaß gehabt und dem siegreichen Gott war gebührlich gehuldigt worden!

"Happy Holi!"